Mumford und die
Onomatopoesie
Mumford
und die
Onomatopoesie
„Ich weiß nicht, wer das ist“, konstatierte vor Jahren ein Freund (okay, ein Bekannter). Es war dies im Zuge einer hitzigen Musikdebatte seine Entgegnung auf die Behauptung: „Gegen Marcus Mumford, der in diesem 21. Jahrhundert auf dich wie auf mich zukommen wird, hast du keine Chance.“ Das ist lange her, aber wie wir sehen werden, auch heute kein bisschen weniger gültig.
- Erstellt:
- Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2026
- Katha
Na, großartig, hatte ich damals gedacht und war gegenüber der Herausforderung in Sachen Aufklärungsbedarf sogleich in Angriffsstellung gegangen. Denn eines stand wohl fest: Wer den Marcus nicht ehrte, war den Mumford nicht wert.
Ich weiß nicht, wer Marcus Mumford ist.
Ich versprach Abhilfe. Schließlich ließ sich über Geschmack bekanntlich streiten, nicht hingegen über Qualität. Das Resultat? Liest du hier.
Über Geschmack lässt sich streiten. Und über Qualität?
Marcus Mumford schreibt Oden an die Innenwelt. Sie alle, jede einzelne von ihnen, ließen sich als Argument für sich selbst auflisten. Zugegeben, es ist schwierig, aber noch lange keine Kunst, einen gelungenen Songtext zu verfassen. Wer mit Dur und Moll auf Du und Du ist, wird es außerdem zustande bringen, drei Akkorde aneinanderzureihen und eine hinreichend passable Gesangslinie darüber zu basteln. Fertig ist der Honigkuchenschmachzer.
Es ist schwierig, aber noch lange keine Kunst, einen gelungenen Songtext zu verfassen.
Überraschung: Viel mehr tut auch Marcus Mumford nicht. Weder bedient er sich ausgefallener Harmonievariationen, noch weichen die Strukturen seiner Folkpopromantikgassenhauer von gewohnt-gewöhnlichen Strophen-Chorus-Strophen-Bridge-Chorus-Popnormen ab. Auch die rhythmische Varietät lässt sich getrost als mäßig postulieren.
Was aber ist es dann, das die Herzen unserer Gehörgänge unter einer lauschigen Decke der Verzweiflung begräbt, wenn der Mann mit der Samtraubein-Stimme singt, „Hold me still / Bury my heart next to yours“?
Ist es die Mumford-und-Söhne’sche Besetzung? Piano, Banjo, Akkordeon, Schlagwerk-Elemente samt eingängiger Polyphonie? Die gewiefte Zurückhaltung britischen Charmes?
Mumford, der Lautmaler
Fehlanzeige! Alles schon gesehen. Was dahintersteckt, ist gleichzeitig der Grund, aus dem Instrumentalisten und Lounge-Chillerinnen im Café del Mar darüber kaum lächeln werden. Nicht einmal müde. Der Grund, aus dem die Konzertfachschülerin am Konservatorium sich von meiner Schlagzeile ab- und wieder ihrer Partitur zuwenden wird, ohne überhaupt den ersten Absatz gelesen zu haben. Der Grund, aus dem eine Songkomposition funktioniert (oder eben scheitert):
Weil die Musik im Sinne der Komposition, der tatsächlichen Abfolge von Lauten also, beim Zuhörer und der Zuhörerin jenes Gefühl auslöst, von dem der Text erzählt. Das gilt noch mehr für Lyrics, deren Narrativ zwischen den Zeilen steht.
Lautmalerei.
Ähnlich der linguistischen Onomatopoesie oder Lautmalerei, welche Wörter meint, die ein Geräusch beschreiben und ebenso klingen: „bellen“, „rumpeln“ oder das „Schnipp-schnapp“ einer Schere.
Wörter werden zu Noten. So einfach ist das.
Wenn also nun die Mumford’sche Lyrik über die Sehnsucht nachdenkt, über Gott (und die Welt), über die Angst vor der Angst oder übers Nachdenken selbst, tut das gleichzeitig seine jeweilige Komposition. Dann ist sie begehrlich, schwerluftig, zurückhaltend. Und wir auch. Die Wörter werden zu Noten. So einfach ist das.
Wie sich Songwriter:innen das Prinzip der Lautmalerei zunutze machen können
Wer – wie ich – ein Faible hat für Lyrics im Allgemeinen sowie Prozess und Resultat von deren Vertonung gleichermaßen, oder wer sich gar selbst im Liedermachen versucht, kennt das Sinnieren über musikalische wie sprachliche Hooks: Denn wenn du erst am Haken hängst, fragst du dich nun mal, wo der Haken ist.
Zum Weiterlesen:

Ist meine Muse in Bildungskarenz? Oder küsst die Sau etwa gerade jemand anderen? Über eine missglückte Schreibübung und eine umso wertvollere Erkenntnis. Plus: Lieblings-Anspieltipp!

Ist meine Muse in Bildungskarenz? Oder küsst die Sau etwa gerade jemand anderen? Über eine missglückte Schreibübung und eine umso wertvollere Erkenntnis. Plus: Lieblings-Anspieltipp!
Der Trick:
Text und Musik müssen unabhängig voneinander das Gleiche auslösen.
Wenn du „schnipp-schnapp“ hörst, denkst du an eine Schere. Sie ahmt das Geräusch nach, das die Schere beim Schneiden macht.
Genau so kannst du das Songwriting angehen: Dein Text lautmalt deine Musik – und umgekehrt. Du schreibst über dein totes Haustier Karli? Sorg dafür, dass dein Text und deine Komposition unabhängig voneinander klingen wie das Gefühl, das du hast, wenn du an Karli denkst.
Wer den Songtext nicht ehrt,
sich um Mumford nicht schert.
In diesem Sinne adaptiere ich mein Statement oben und stelle richtig:
Wer den Songtext nicht ehrt, sich um Mumford nicht schert. Und/oder umgekehrt.
Songwriting Best Practice: Die Lautmalerei-Theorie
- Spiel dein Lied (instrumental).
- Dann lies deinen Text ohne Musik (laut vor).
- Spürst du dabei jeweils dasselbe?
Perfetto, Zeit für eine Schreibpause (oder den Durchbruch). - Nein? Dann heißt’s: weiterfeilen.
(Oder wahlweise ein neues Hobby suchen.)

Erhalte regelmäßig: